Nichts ist so, wie es auf den ersten Blick scheint!
Obwohl es für die beiden Schauspieler Woo Mi-ga und Lee So-mang 8 Millionen Gründe gäbe, Nein zu sagen, lassen sie sich darauf ein, auch abseits der Leinwand als Liebespaar aufzutreten.
Im wahren Leben sind sie allerdings wie Feuer und Wasser. Wird es dem ungleichen Paar ohne Drehbuch und Regieanweisungen gelingen, in den Rollen ihres Lebens zu glänzen?
#kdrama #romcom #lovecontract #enemytolovers
Episode 1
~ Küssen verboten?! ~
Ji-ho arbeitete seit Stunden in seinem Büro des Geschäftsführers der Buja Group in der 38. Etage des Hangul-Towers in Seoul. Er blickte aus dem Fenster, auf die Lichter der Stadt, bevor er sich wieder auf den Vertrag konzentrierte, der vor ihm lag.
Er musste diesen Auftrag unbedingt an Land ziehen. Nur so würde er seinem größten Konkurrenten SK Financials einen entscheidenden Schlag versetzen können.
Es war bereits 21 Uhr und die meisten seiner Angestellten waren längst gegangen. Seine Sekretärin saß allerdings immer noch in ihrem Vorzimmer und beobachtete ihn durch die Glasscheibe. Wie gewöhnlich trug sie ein dunkelblaues Kostüm und ihre langen schwarzen Haare zu einem eleganten Knoten hochgesteckt. Ihr äußeres Erscheinungsbild verlieh ihr, trotz ihres jungen Alters, ein professionelles Auftreten.
Er erinnerte sich noch gut daran, wie Soo-min vor drei Jahren den Posten seiner Sekretärin übernommen hatte, obwohl sie den Job eigentlich nicht wollte.
Als junge Absolventin einer vorzüglichen Universität hatte sie sich auf eine Stelle in der Finanzabteilung beworben.
Bis zu diesem Zeitpunkt konnte Ji-ho keine Sekretärin finden, die seine hohen Ansprüche erfüllte und feuerte an jenem Morgen gerade sein letztes Opfer. Für eine internationale Telefonkonferenz benötigte er jedoch kurzfristig eine geeignete Person, um das Protokoll der Sitzung mitzuschreiben. Die Personalabteilung hatte ihm damals Soo-min geschickt. Noch immer war er sich nicht sicher, wie seine Sekretärin inzwischen über ihre enge Zusammenarbeit dachte und ob sie mit ihrer Position der Chefsekretärin zufrieden war.
Ji-ho konzentrierte sich wieder auf die Unterlagen vor ihm, die er heute noch durchgehen musste. Eine Stunde später hielt er inne und dachte an eine Tasse Kaffee, als Soo-min die Glastür öffnete und mit dem köstlich riechenden, dampfenden Getränk das Büro betrat. Dass sie oftmals seine Gedanken im Vorfeld erriet, verblüffte ihn selbst nach all den Jahren noch immer.
Er schaute in ihre dunklen Augen, die im Schein der Deckenbeleuchtung funkelten.
»Bitte sehr.«
Soo-min stellte den Kaffee in seine Reichweite, aber weit genug von seinem PC, auf den Schreibtisch.
»Ich habe Ihren 10 Uhr Termin morgen früh noch einmal telefonisch bestätigt«, kam sie ihm zuvor, denn genau das wollte er gerade ansprechen.
Er nickte zufrieden und trank einen Schluck. Nur Soo-min war in der Lage, solch einen guten Kaffee zu kochen.
»Die Tischreservierung in Ihrem Lieblingsrestaurant wurde ebenfalls bestätigt. Ihr Fahrer wartet bereits. Fräulein Park ließ ich ein Geschenk mit einer Geburtstagskarte zukommen. Sie haben ihr eine Handtasche geschenkt«, fügte Soo-min hinzu. Sie verließ das Büro, bevor er sich bei ihr bedanken konnte.
Das Restaurant ist nicht das Problem, sondern das, was dort geschehen soll … wenn doch nur nicht dieser Kuss wäre! Küssen, wer will sie schon küssen? Und überhaupt, warum muss es eigentlich immer sie sein?
Ji-ho nahm sein Handy, wählte Park Sae-jins Nummer aus und wartete geduldig, bis sie abnahm.
»Sae-jin-ah, alles Gute zum Geburtstag, ich hoffe, du feierst schön!«, begann er das Telefonat mit seiner Möchtegernverlobten. Seinen Eltern wäre es mehr als recht, wenn er Park Sae-jin, eine Tochter aus gutem Hause, lieber früher als später heiraten würde.
»Oppa! Oppa! Oppa!«, schallte es ihm ins Ohr, er zog eine Grimasse und hielt sein Handy etwas weg.
»Sae-jin-ah, hast du mein Geburtstagsgeschenk erhalten und gefällt es dir?«, fragte Ji-ho, als seine Gesprächspartnerin zwischen zwei Sätzen kurz Luft holte.
»Oppa, woher wusstest du, dass ich mir genau diese Tasche gewünscht habe? Oppa, du bist einfach der Beste!«, flötete sie auf ihre unnachahmliche Art.
Dass Park Sae-jin ihn mit diesem Kosenamen ansprach, gefiel ihm immer weniger. Ji-ho lockerte seine dunkelrote Krawatte und öffnete den obersten Knopf seines Hemdes. Während sie im Hintergrund einige Gäste mit einem Jauchzer begrüßte, ließ er seinen Blick zu seiner Sekretärin wandern. Sie zog sich gerade ihren Mantel an und griff nach ihrer Handtasche.
»Entschuldige, aber ich muss Schluss machen!«, würgte er das Gespräch ab.
Seine Sekretärin schien seinen Blick bemerkt zu haben und schaute in seine Richtung. Er deutete mit einem Kopfnicken an, dass sie bei ihm hereinschauen sollte. Soo-min verstand sofort und betrat Sekunden später sein Büro. Er erhob sich aus dem Sessel und wechselte zum Panoramafenster hinüber, vor dem an einem Kleiderständer sein Mantel hing.
»Begleite mich zum Essen, ich muss etwas mit dir besprechen«, bemerkte er beiläufig.
Sie war ihm gefolgt, nahm den Mantel vom Ständer und half ihm hinein. Er drehte sich zu ihr herum. Sie richtete ihm seine Krawatte und strich mit ihren Händen über seine Schultern. Anschließend nahm sie sein Handy, das auf dem Schreibtisch lag, und steckte es in die Innenjacke seines Mantels.
Ji-ho dachte kurz darüber nach, dass sie beide wirklich wie ein eingespieltes Ehepaar funktionierten. Es war kein Geheimnis, dass viele seiner Angestellten das Gerücht am Laufen hielten, dass zwischen Chef und Sekretärin etwas lief. Und auch seine Fast-Verlobte, Park Sae-jin, versprühte diesen Hauch von Eifersucht, wenn sie zu unmöglichen Zeiten in Ji-hos Büro vorbeischaute.
Eifersucht, wer wäre schon auf sie eifersüchtig?
Soo-min folgte ihrem Chef an der verwaisten Anmeldung vorbei zum Fahrstuhl und ließ ihm den Vortritt. Schweigsam wie eh und je stand sie neben ihm, während der gläserne Lift hinunter in die Lobby fuhr. Die diensthabenden Wachleute grüßten den Geschäftsführer und verneigten sich respektvoll. Soo-min folgte ihm stets mit einer Armlänge Abstand. Vor dem Gebäude parkte seine schwarze Limousine, sein Fahrer öffnete seinem Chef die hintere Tür, während die Sekretärin auf der Beifahrerseite einstieg.
»Ins Rainbows«, sagte Ji-ho.
Sein Fahrer nickte. Es war angenehm, dass Tae-hyung ein Mann weniger Worte war und er sich auf ihn verlassen konnte. Ji-ho beugte sich kurz vor und erhaschte einen Blick auf Soo-min, die ihre Augen geschlossen hatte und erschöpft wirkte. Für einen Augenblick fühlte er sich schuldig. Wenn der Abend wie geplant verlief, würde er ihr eine Pause gönnen. Zuversichtlich lehnte er sich auf seinem Sitz zurück.
Du bist groß und schlank. Man könnte dich als attraktiv bezeichnen. Du siehst aus wie ein Model. Dein beruflicher Erfolg hat dich außerordentlich reich gemacht. Welche Frau würde nicht gern an deiner Seite sein und dich zum Essen begleiten?, flüsterte ihm das arrogante Teufelchen auf seiner Schulter in solchen Momenten ins Ohr.
Von wegen – außer bei der Arbeit schaut sie mich nicht einmal an!
An diesem Abend hatte er jedoch vor, seinen durchdachten Plan in die Tat umzusetzen.
»Soo-min, wegen des Vertrages mit der Sunhi Bank morgen.«
»Ja, Daepyonim?«
Ji-ho runzelte die Stirn. Dass seine Sekretärin ihn auch nach Feierabend respektvoll mit Vorsitzender ansprach, verriet die Distanz zwischen ihnen, die es zu durchbrechen galt.
»Die Geschäftsführerin der Sunhi Bank …«
»…trinkt keinen Kaffee. Ich habe bereits eine Auswahl an erlesenen Tees vorbereitet«, beendete Soo-min seinen Satz.
»Tae-hyung wird dich morgen früh abholen, damit du rechtzeitig in der Firma bist. Du weißt, wie wichtig dieser Vertrag ist.«
»Daepyonim, das ist sehr freundlich von Ihnen, aber war ich jemals zu spät, seit ich für Sie arbeite?«, fragte sie sichtlich verlegen.
»Nein! Aber ich wäre beruhigter, wenn er dich morgen früh abholen würde, also nimm das Angebot einfach an!«
Tae-hyung hielt direkt vor dem Rainbows, er umrundete das Fahrzeug und öffnete seinem Chef die hintere Wagentür. Ji-ho bedachte seinen Fahrer mit einem vielsagenden Blick. Tae-hyung nickte kurz.
Der Maître des Rainbows erwartete den VIP Gast bereits am Eingang, und verbeugte sich respektvoll vor Ji-ho.
»Kim Daepyo, es ist uns eine Ehre, dass Sie uns wieder einmal besuchen. Ihr Stammplatz ist für Sie reserviert!«, schmeichelte der ältere Mann seinem Gast.
Ji-ho überließ das Reden seiner Sekretärin.
»Sie wissen, dass der Vorsitzende unter einer Nussallergie leidet. Und bringen Sie bitte zuerst eine stärkende Suppe. Er hatte einen anstrengenden Tag«, wies sie den Maître an.
Sie wusste genau, dass er nicht gern allein aß. Obwohl er es nie zugeben würde, sondern stets das Geschäft vorschob, war ihr vermutlich klar, dass er sie einfach gern beim Essen dabei hatte. Der reservierte Tisch befand sich in einer Nische direkt vor dem Fenster, mit Blick auf eine hell erleuchtete Parkanlage.
Ji-ho rückte Soo-min den Stuhl zurecht und wartete, bis sie sich gesetzt hatte. Wie jedes Mal, wenn sie hier aßen, bewunderte sie die schöne Aussicht. Ihr Lächeln wertete er als einen ersten Erfolg. Zufrieden setzte er sich ihr gegenüber an den Tisch. Mehrere Kellner brachten die gewünschten Speisen.
»Bernsteinmakrele an grüner Mandarine, gerösteter Sesam-Tofu in Dashi und gegrillte Wachtel?«, murmelte Soo-min mit leuchtenden Augen.
Er konnte förmlich sehen, wie es in ihrem kleinen Kopf ratterte und sie darüber nachdachte, ob heute ein besonderer Tag wäre, den sie womöglich vergessen hatte.
In diesem Moment betrat Tae-hyung das Restaurant. Er trug eine große Schachtel und stellte sie vorsichtig vor Soo-min ab, machte kehrt und ließ die beiden allein.
»Daepyonim, was hat das alles zu bedeuten?«, wisperte seine Sekretärin und blickte überrascht auf.
»Soo-min … wie ich bereits sagte, wollte ich mit dir etwas besprechen … Wie du weißt, bin ich kein Mann der großen Worte … Würdest du die Box vor dir einfach öffnen, bitte!«
Soo-min kam zögerlich seiner Aufforderung nach und öffnete die Schachtel. Wie erwartet war die am Vortag georderte Torte perfekt. Der Schriftzug darauf Soo-min – will you marry me? bestand aus Blattgold, in der Mitte glänzte ein wunderschöner Diamantring im Kerzenschein.
»Daepyonim?«, flüsterte sie sichtlich benommen.
Ji-ho lächelte zufrieden.
»Soo-min, seit drei Jahren bist du nun an meiner Seite. Vor kurzem ist mir bewusst geworden, wie sehr ich dich brauche. Nicht nur in der Funktion einer Sekretärin. Verstehst du, was ich dir damit sagen möchte? Ich kann mir mein Leben ohne dich nicht mehr vorstellen«, fügte er mit sanfter Stimme hinzu.
»Aber Daepyonim, Sie haben mir nie gesagt, dass Sie mich mögen, finden Sie das nicht alles etwas übereilt?«, fragte Soo-min, deren Wangen förmlich glühten.
Ji-ho beugte sich vor, sein Blick hielt ihren gefangen.
»Du kennst mich. Alles, was ich in Angriff nehme, ist stets sehr gut durchdacht.«
Er erhob sich, nahm den Ring von der Torte und beugte sich über Soo-min, die zu ihm aufsah. »Aber das Wichtigste ist, dass du nicht gesagt hast, dass du mich nicht magst!«
Sie sahen sich tief in die Augen.
»Daepyonim, ist das wirklich ernst ge…«, hauchte Soo-min, als seine Lippen ihren Mund mit einem zärtlichen Kuss verschlossen.
»CUT! Wunderbar! Das wäre im Kasten«, rief der Regisseur! Lee So-mang und Woo Mi-ga drehten sich augenblicklich voneinander weg.
»Zwanzig Minuten Pause, dann steigen wir mit Szene 34 im Auto wieder ein!«, rief der Regisseur.
Einer der Regieassistenten wiederholte die Zeitansage noch einmal.
»Ich bin in meiner Garderobe!«, sagte So-mang und verließ das Filmset, ohne eine Antwort abzuwarten. Er eilte auf das Nebengebäude zu und wischte sich dabei mehrmals über seine Lippen.
Warum muss ich sie immer wieder küssen? Warum sie? Warum ich?
»Einen Kaffee, schwarz, ohne Zucker, aber balli, balli!«, rief er seinem Assistenten Chin-mae zu.
So-mang öffnete die Tür zu seiner Garderobe, auf der unter einem goldenen Stern sein Name stand und knallte sie hinter sich zu. Schwer atmend, ließ er sich auf das Sofa fallen. Chin-mae erschien wenige Minuten später und stellte das gewünschte Getränk vor So-mang ab.
»Hier dein Kaffee – du warst wieder großartig!«
So-mang nahm einen Schluck und spülte damit seinen Mund aus, als könne er dadurch diesen Kuss auslöschen.
»Ich verstehe das nicht! Ich kann es wirklich nicht verstehen! Wie kann man nur auf die Idee kommen, dass sie und ich ein Traumpaar wären? Sind denn alle blind? Wenn ich noch ein einziges weiteres Projekt mit ihr gemeinsam drehen muss, wird sie meine komplette Karriere zerstören!«
Dass Chin-mae antworten wollte, es sich jedoch verkniff, erkannte er an dessen Gesichtsausdruck. Sein Assistent wusste nur zu gut, dass seine Fragen rein rhetorischer Natur waren. Wenn es um Mi-ga ging, galt ausschließlich seine vorgefasste Meinung.
»Ich weiß nicht, warum du dich so anstellst, Mr. Coldface. Ich würde Woo Mi-ga liebend gern küssen!«, hörte So-mang seinen Assistenten leise flüstern.
Chin-maes lächerlich verträumter Blick verriet, dass er sich diesen Kuss gerade lebhaft vorstellte. So-mang hob seinen Arm und wischte sich erneut über seinen Mund. Er griff nach einem Kissen, schob es sich unter seinen Nacken und streckte sich aus. Chin-mae schien in Gedanken versunken, was So-mang nur recht war. So musste er sich wenigstens nicht mit ihm über Mi-ga unterhalten und konnte sich ganz auf sich selbst konzentrieren. Er bemerkte, wie sich sein Herzschlag langsam normalisierte. Außer bei den Filmaufnahmen sah ihn kaum jemand entspannt und noch seltener lächeln. Vermutlich hatte ihm dieser Umstand den Spitznamen Mr. Coldface eingebracht. Hinter der kühlen Fassade, die wie eine Mauer zwischen ihm und seiner Außenwelt zu stehen schien, war der Schauspieler meist tief in seinen Gedanken gefangen. Im Augenblick allerdings war er einfach nur erleichtert, dass diese furchtbare Kussszene auf Anhieb im Kasten war. Er wäre nicht überrascht gewesen, wenn seine Schauspielkollegin wieder einmal alles ruiniert hätte und sie weitere fünfzehn Klappen für den Zehn-Minuten-Part benötigt hätte.
So-mang blickte zu seinem Assistenten hinüber und erinnerte sich daran, wie Chin-mae vor zehn Jahren diesen Job übernommen hatte.
Er war damals bereits ein bekannter Schauspieler, der mit drei Dramen die Kinokassen zum Klingeln gebracht hat. Chin-mae hingegen war gerade erst von So-mangs Agentur eingestellt worden und wusste nicht wirklich viel über seinen Chef, für den er in Zukunft sorgen sollte. Das spärliche Wissen ließ sich auf wenige Punkte reduzieren. Erstens, dass So-mang in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen war und zweitens, dass er seit seinem siebten Lebensjahr bei seinen Großeltern gelebt hatte. Details über das Privatleben des Schauspielers erfuhr Chin-mae erst viel später.
Die Karriere des Schauspielers startete 3 Jahre zuvor, als ein enthusiastischer Talentscout So-mang entdeckte. Durchtrainiert und mit einer Größe von knapp 1,85 m hatte ihn Planet Star Entertainment als Erstes bei einer Männerparfüm-Werbung eingesetzt. Der Werbespot war sein Sprungbrett zum Erfolg gewesen. Über Nacht war der damals Fünfzehnjährige zum Liebling der Nation geworden.
Seine seit jeher kühle Ausstrahlung brachte vor allem die Damenwelt zum Schmelzen, allerdings wusste nur Chin-mae, dass So-mang engere Beziehungen zu Frauen scheute. Seine Agentur erkannte sofort das Potenzial des Neuzugangs und ließ ihn mit Südkoreas größten Regisseuren arbeiten. Jeder Film, in dem er mitgespielt hatte, wurde zu einem Kassenschlager, der ihm den Status eines umschwärmten Idols einbrachte. Sein wachsender Bekanntheitsgrad brachte allerdings nicht nur Positives mit sich.
Geld zu verdienen war die eine Sache, ständig in der Öffentlichkeit und unter Beobachtung der Presse zu stehen, eine andere.
»Chin-mae, wie geht es meinen Babys? Gib mir mein Handy, ich möchte nachschauen.«
So-mang deutete auf den kleinen Tisch, auf dem neben dem Manuskript zum aktuellen Film auch sein Handy lag. Chin-mae öffnete darauf die Überwachungskamera-App und übergab So-mang das kleine Gerät. Er blickte auf den Bildschirm und strich mit dem Finger darüber, um die im Terrarium installierte Kamera zu drehen. Die Hightech-Anlage ermöglichte es ihm, seine Lieblinge auch außer Haus beobachten zu können.
Auf einem dicken Stamm entdeckte er Emerald, den grünen Leguan und direkt darunter, halb im sandigen Untergrund verborgen, Blue, die blaue Leguan-Dame. Dass es seinen Hausdrachen gutzugehen schien, hob augenblicklich So-mangs Stimmung.
»Hunde und Katzen als Haustiere, in Ordnung, aber warum ausgerechnet Leguane?«, hörte er seinen Assistenten murmeln.
»Hausdrachen haben keine Flügel!«, erwiderte So-mang, ohne aufzuschauen. Tatsächlich mochte er die Tiere, weil sie keinen Lärm verursachten, ihm nicht widersprachen und bei sorgfältiger Pflege mehr oder weniger anhänglich und handzahm wurden.
Chin-mae nahm auf einem Stuhl am Tisch Platz und widmete sich seinem eigenen Handy, während So-mang über die Kamera beobachtete, wie Emerald mit seinen Krallen nach einem der frischen Äste angelte und in Zeitlupe die Blätter daran verspeiste. Die Leguane waren sein Ein und Alles. Ihnen konnte er seine Gedanken anvertrauen. Hin und wieder bildete er sich sogar ein, dass sie ihn verstanden.
Für einen Klatschreporter, der die Sprache der Tiere verstehen würde, wären sie als Informationsquelle sicher ein gefundenes Fressen.
Dieser Gedanke entlockte So-mang ein Lächeln. Dank Emerald und Blue war es ihm tatsächlich gelungen, die unangenehme Kussszene zu verdrängen.
»In fünf Minuten geht es weiter, Herr Lee!«, erklang die Stimme des Regieassistenten durch die einen spaltbreit geöffnete Garderobentür.
Chin-mae reagierte sofort und bat die Make-up-Stylistin herein, die auf dem Gang gewartet hatte. So-mang wechselte in den Sessel vor dem Spiegel. Die Stylistin begutachtete seinen makellosen Teint und frischte sein Make-up auf.
Die Routine ließ ihn alles um sich herum vergessen. Der Schauspieler tauchte in seine Rolle ein. Er hatte keine Schwierigkeiten, sich in den erfolgsverwöhnten, reichen CEO hineinzuversetzen. Chin-mae reichte ihm das Skript, die entsprechende Seite hatte er bereits aufgeschlagen.
So-mang verfügte über ein fotografisches Gedächtnis. Doch seit er mit dieser Woo Mi-ga zusammenarbeiten musste, hatte er sich angewöhnt, kurz vor der Aufzeichnung einer Szene immer noch mal einen Blick auf Mi-gas Text zu werfen.
Dieses Möchtegern-Sternchen konnte sich nicht einmal die einfachsten Zeilen merken. Ihr Onkel hatte sogar eigens einen Textehalter für sie engagiert, der während des Drehs ihre Zeilen auf einer großen Tafel hochhielt. Dennoch musste So-mang ihr des Öfteren ihre Zeilen soufflieren. In solchen Momenten flammte seine Ablehnung ihr gegenüber stets erneut auf. Wenn ihn jemand aus seiner Rolle bringen konnte, war es Woo Mi-ga.
»In drei Minuten alle zum Set!«, erklang die nächste Ansage.
So-mang erhob sich und überprüfte sein Äußeres im Spiegel. Die Stylistin verbeugte sich schweigend und verließ die Garderobe. Für den letzten Schritt vor einer Szene stellte sich Chin-mae vor den Schauspieler. Es folgte ein leichtes Aufwärmtraining. So-mang dehnte seine Arme und Beine in alle Richtungen. Als er seine Hände nach vorn streckte und sich vorbeugte, griff Chin-mae automatisch danach und hielt sie fest, sodass der Schauspieler sich nicht überdehnte.
Seit diesem Unfall, mit dieser unbeholfenen Anfängerin während ihres ersten gemeinsamen Films, hatte er hin und wieder Probleme mit seinem Rücken.
Deshalb trainierte er täglich nach einem ausgeklügelten Programm. Sein Rückenleiden erinnerte ihn öfter, als ihm lieb war, an Mi-ga.
So-mang dachte an die wohlwollenden Worte seines Großvaters.
Nur ein gesunder Baum trotzt allen Stürmen!
»Eine Minute bis Drehbeginn!«, rief der Regieassistent vor der Garderobentür.
Bringen wir diese verflixte Szene schnell hinter uns! Zum Glück muss ich Mi-ga nicht schon wieder küssen.
Ihn beschlich das Gefühl, dass diese Szenen von Film zu Film zunahmen. Auf dem Weg zum Set wurde aus dem Schauspieler Lee So-mang wieder der erfolgsverwöhnte, von sich selbst überzeugte Geschäftsführer Kim Ji-ho.
* * *
Das Absperrband flatterte im Wind. Es war bereits dunkel geworden. Die Sicherheitsleute hatten alle Hände voll zu tun, die euphorischen Fans im Zaum zu halten. In der Masse versteckt, die dahinter das Spektakel verfolgte, stand ein schwarz gekleideter Mann, sein Baseball-Cap hatte er tief ins Gesicht gezogen. Als er Woo Mi-ga auf dem Set entdeckte, lächelte er.
Die schwarze Limousine stand von unzähligen Strahlern angeleuchtet mitten auf dem Platz. Er beobachtete, wie Mi-ga und dieser Schauspieler in den Wagen einstiegen.
Allerdings schien die Szene wohl nicht problemlos abzulaufen. Aus der Entfernung konnte er erkennen, dass der Dreh ständig unterbrochen wurde. Er beobachtete, wie Mi-ga überhastet aus dem Wagen stieg, in Richtung Gebäude rannte und dabei sogar beinah ihre Schuhe verlor.
Was war los? Hat dieser Schauspieler Mi-ga wieder einmal aus der Fassung gebracht?
Vor Aufregung hatte er glatt vergessen, einige Fotos von ihr zu schießen. Er biss sich vor Wut auf seine Unterlippe. Er hoffte, dass er sie an diesem Drehtag noch einmal kurz zu Gesicht bekommen würde. Ein Blick auf seine Uhr verriet jedoch, dass ihm kaum mehr Zeit blieb, bevor er seine Abendschicht antreten musste.