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Sekundenbruch

Geschrieben von Liam Blue

von Liam Blue
Published
March 15, 2025

Als Ebook erhältlich

2,99 €

Als Taschenbuch erhältlich

10,95 €

Die Zeit ist zerbrochen – und mit ihr die Welt.

In den Ruinen eines postapokalyptischen Japans entdeckt der junge Renji Takahara ein Gerät, das ihn für 60 Sekunden durch die Zeit springen lässt. Doch jede Veränderung hat ihren Preis – und jede Entscheidung bringt ihn näher an den Abgrund der Realität.

Verfolgt von einem unbarmherzigen Wächter namens Kuro und gejagt von einer Vergangenheit, die nicht vergessen werden will, muss Renji herausfinden, ob er die Welt retten kann – oder ob er ihr Untergang ist.

‚Sekundenbruch‘ ist eine fesselnde Geschichte über Opfer, Hoffnung und die Fragilität der Zeit.

Leseprobe

Episode 1

Die verlorene Stadt


DAS JAHR 2229. Die Welt, wie sie einst war, existiert nicht mehr. Vor mehr als 150 Jahren hatte der Vierte Weltkrieg – das sogenannte Große Unglück von 2075 – die Zivilisation in Schutt und Asche gelegt. Städte, einst Symbole menschlicher Errungenschaften, waren zu Ruinen verfallen und von der Natur zurückerobert worden.
  Die wenigen Überlebenden hatten sich in kleinen Gemeinschaften organisiert, während die Überreste vergangener Technologien, wie das sagenumwobene Kairos-Projekt, erbittert umkämpft blieben. Zeitreisen, einst ein Traum der Wissenschaft, hatten sich als Fluch erwiesen – ein Fluch, der nicht nur die Vergangenheit zerstörte, sondern auch die Zukunft bedrohte.
  Der Wind heulte durch die leeren Straßen von Shinjuku, ein kaltes, unnachgiebiges Klagen, das durch die zerbrochenen Fenster der verlassenen Wolkenkratzer drang. Die Stadt war nur noch ein Schatten ihrer selbst – überwuchert von Ranken und Moos, die sich ihren Weg durch Beton und Stahl gebahnt hatten. Trümmer lagen verstreut wie die Knochen eines längst vergessenen Giganten.
  In der Ferne ragte der verrostete Rahmen eines Hochhauses in den grauen Himmel, trotzig gegen den drohenden Regen aufragend.
  Renji Takahara zog den Kragen seines abgetragenen Mantels enger um seinen Hals und balancierte vorsichtig über die zerborstenen Überreste einer Brücke. Sein Atem bildete kleine Wolken in der kühlen Luft. Seine Stiefel knirschten auf dem Schutt, doch er achtete darauf, keine unnötigen Geräusche zu machen – man wusste nie, wer oder was im Schatten lauerte. Er war siebzehn Jahre alt, doch die Härten dieser Welt hatten ihm jede Spur von Jugendlichkeit genommen.
  Sein Gesicht war schmal und kantig, seine schwarzen Haare hingen ihm zerzaust in die Stirn. Eine kleine Narbe über seiner rechten Augenbraue erzählte von einem Kampf, den er nur knapp überlebt hatte. Seine eisblauen Augen waren wachsam und suchten unaufhörlich die Umgebung ab – ein Überlebens- instinkt, den er sich früh aneignen musste.

»大丈夫 (Daijoubu), Zeit loszulegen«, murmelte er sich selbst zu und zog seinen Rucksack zurecht. Gerüchte besagten, dass es in einem alten Regierungsgebäude in der Nähe noch unberührte Vorräte gab. Vielleicht etwas Wertvolles – etwas, das er auf dem Schwarzmarkt gegen Essen eintauschen konnte. Oder wenigstens Batterien für seine Taschenlampe.
  Das Ziel war ein halb eingestürztes Gebäude am Rand des Bezirks. Die oberen Stockwerke waren komplett eingestürzt, doch das Erdgeschoss schien noch intakt zu sein. Renji kletterte durch ein zerbrochenes Fenster und landete mit einem dumpfen Geräusch auf dem staubigen Boden.

Der Geruch von Moder und Rost stieg ihm in die Nase. Das Innere des Gebäudes war dunkel und bedrückend. Alte Schreibtische lagen umgestürzt auf dem Boden; Papiere bedeckten den Raum wie Schnee. An einer Wand hing ein verblasstes Poster mit der Aufschrift: »Für eine bessere Zukunft – Vertrauen Sie Ihrer Regierung.«
  Renji verzog das Gesicht und wandte sich ab.
  »Bessere Zukunft«, murmelte er bitter und trat einen Haufen Papier beiseite. »Hat ja großartig geklappt.« Er zog eine kleine Taschenlampe aus seiner Jackentasche und schaltete sie ein. Der Lichtstrahl schnitt durch die Dunkelheit und enthüllte eine verschlossene Stahltür am Ende des Raumes. Auf der Tür prangte ein verblasster Schriftzug: »Projekt KAIROS – Zugang nur für autorisiertes Personal.« »Interessant«, murmelte Renji und trat näher heran. Seine Finger glitten über die kalte Metalloberfläche der Tür, die stabiler wirkte als alles andere in diesem Gebäude – fast so, als wäre sie dafür gemacht worden, etwas Wertvolles zu beschützen.
  Er zog eine Brechstange aus seinem Rucksack – ein rostiges Stück Metall, das er vor Monaten gefunden hatte – und begann damit, an der Tür zu hebeln.
  Es dauerte mehrere Minuten und kostete ihn fast alle Kraftreserven, doch schließlich gab das Schloss nach. Mit einem lauten Krachen öffnete sich die Tür einen Spalt weit. Renji trat vorsichtig ein und hielt seine Taschenlampe vor sich. Der Raum dahinter war klein und voller alter Maschinen, deren Zweck ihm nicht klar war. Monitore mit gesprungenen Bildschirmen standen auf Tischen; Kabel hingen von der Decke wie Lianen im Dschungel.

»Was zur Hölle ist das hier?« Renji ließ seinen Blick durch den Raum schweifen, bis er etwas auf einem Tisch entdeckte – ein kleines Gerät mit einer digitalen Anzeige. Es war etwa so groß wie eine Handfläche und wirkte überraschend unbeschädigt. Er trat näher heran und hob es vorsichtig auf. Das Gerät war schwerer als es aussah und fühlte sich kalt an. Die digitale Anzeige flackerte kurz auf und zeigte eine Reihe von Zahlen: »00:60«, bevor sie wieder erlosch.
  »Was bist du denn?« Renji drehte das Gerät in seinen Händen hin und her, konnte aber keine offensichtlichen Hinweise darauf finden, wofür es gedacht war.
  Ein leises Geräusch hinter ihm ließ ihn erstarren. Er drehte sich blitzschnell um und richtete seine Taschenlampe auf die Türöffnung. Doch da war nichts – nur das leise Tropfen von Wasser irgendwo in der Ferne.
  Renji atmete tief durch und steckte das Gerät in seinen Rucksack. »Das wird bestimmt etwas wert sein«, murmelte er und machte sich daran, den Raum zu verlassen. Doch während er durch die Ruinen zurückging, beschlich ihn das unheimliche Gefühl, beobachtet zu werden – von jemandem oder etwas.

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