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Coffee to love

Geschrieben von Nellie Amber & Liam Blue

von Nellie Amber & Liam Blue
Published
December 16, 2024

Als Ebook erhältlich

2,99 €

Als Taschenbuch erhältlich

12,95 €

사랑받고 싶은 커피

Kann Man Seinen Gefühlen Trauen?

Solche Geschichten finden sich womöglich nur in Märchen oder eben in K-Dramen. Was geschieht, wenn eine kleine Cafehaus-Bedienung und der Erbe der SO-Group, trotz einer eher unschönen Vergangenheit auf ungewöhnliche Weise erneut aufeinander treffen? Kann unsere Cinderella ihrem Prinzen vollends vertrauen und hat ihre Beziehung über die Barrieren zweier ungleicher Familien hinaus eine Zukunft?

#kdrama #romcom #lovecontract #Cinderella

Leseprobe

Episode 1

~ Ein letztes Ultimatum ~

NACH EINER ZWEISTÜNDIGEN AUTOFAHRT über unwegsames Gelände parkte er seinen alten Ford vor einem hohen Zaun einer stillgelegten Automobil-Produktionsstätte. Jihun zog die Riemen seines Rucksacks straff, in dem sich seine Kameraausrüstung befand, und trat an die Absperrung heran.
Die Lichtverhältnisse sind nicht optimal. Heute wird es wohl nur eine kleine Fotostrecke werden.
Er überwand die Absperrung und sprang auf der gegenüberliegenden Seite die letzten Meter zu Boden.
Zwischen maroden Gebäuden wuchs meterhohes Gestrüpp, ein Durchkommen würde ihn mehr Zeit und Mühe kosten, als die Überwindung des Zaunes. Dadurch ließ er sich jedoch nicht abschrecken. Er nutzte die Nachmittagssonne und fotografierte in den folgenden zwei Stunden die heruntergekommenen Überbleibsel jener Ära. Jihun erinnerte sich, in einem Artikel gelesen zu haben, dass in den alten Ford Werken einst bis zu 90.000 Mitarbeiter beschäftigt worden waren. Eine dieser Produktionsstätten zu besichtigen, erfüllte ihn mit einer gesunden Neugier. Überhaupt hatten es ihm Ruinen und verlassene Gebäude angetan.
Jihun hob seine Kamera und fotografierte eine krumm gewachsene Zeder. Die aufragenden Zapfen erinnerten an die Kerzen eines geschmückten Weihnachtsbaumes. Wenige Meter weiter hielt Jihun erneut inne. Diesmal fiel sein Blick auf ein mit Moos überzogenes Mauerwerk, als sich sein Handy mit einer Trompetenfanfare meldete. Dieser Klingelton verhieß nichts Gutes; Kang Hajun, der Sekretär seines Großvaters, meldete sich nur selten bei ihm. Jihun ging in die Hocke und öffnete den Reißverschluss seines Rucksacks, den er zwischen seinen Füßen auf dem staubigen Boden abgestellt hatte.
Vierzig Prozent. Ich sollte das Handy heute Abend wirklich aufladen.
Er öffnete die Messenger-App und runzelte die Stirn. Die rechte Hand seines Großvaters meldete sich meist nur in dringenden Fällen. Mit einem unguten Gefühl überflog Jihun die wenigen Zeilen. »Kim Jihun, bitte umgehend melden. Vorsitzender im Krankenhaus! Es sieht nicht gut aus. Deine Anwesenheit dringend erforderlich!«
Hajun hat sich überhaupt nicht verändert. Wie eh und je verfasst er seine Nachrichten im Telegrammstil. Geht es dem alten Herrn wirklich so schlecht? Oder sucht er nach einem Grund, um mich über Weihnachten nach Hause zu locken? Hajun weiß genau, dass ich die Nachricht nicht ignorieren kann. Hoffentlich läuft das Ganze nicht wieder auf irgendwelche organisierten Blind Dates hinaus …
Seit er Südkorea vor sechsunddreißig Monaten den Rücken gekehrt hatte, um in den USA Fotografie zu studieren, hatte er seinen Großvater nur in den Semesterferien besucht und jedes Mal hatte der alte Herr ihn gedrängt, endlich zu heiraten. Jihun hegte allerdings eine instinktive Abneigung gegenüber den aus einflussreichen Familien stammenden jungen Frauen, die ihm meist zu oberflächlich waren; bisher hatte er sich erfolgreich dem Willen seines Großvaters widersetzt.
Jihun seufzte und blickte sich ein letztes Mal auf dem verlassenen Gelände um, bevor er mit dem Gefühl des Bedauerns den Rückweg antrat. Bevor er seine Fotoausrüstung im Kofferraum verstaute, zögerte er kurz. In wenigen Wochen war Weihnachten. Falls er nach Hause flog, bestände sein Großvater sicherlich darauf, dass sein Enkel bis Neujahr in Seoul blieb. Ursprünglich hatte Jihun allerdings geplant, die diesjährigen Feiertage zu überspringen und sich vollends auf seine Abschlussarbeit zu konzentrieren, die er Ende Februar abgeben musste. Deshalb hatte er in den letzten Monaten zahlreiche Lost Places besucht. Dass er zögerte, nach Südkorea zurückzukehren, bereitete ihm insgeheim ein schlechtes Gewissen.
Hajun übertreibt meist maßlos, wenn es um Großvater geht. Aber was, wenn es dem alten Herrn wirklich so schlecht geht …
Am Ende überwog sein Pflichtgefühl und die Sorge um seinen Großvater. Jihun buchte den ersten Flug am Morgen. Auf der Rückfahrt zum Studentenwohnheim warf er einen Blick auf die Uhr neben dem Tacho. Ihm blieben knapp sechs Stunden, um das Nötigste zu packen und pünktlich zum Abflug am Flughafen zu sein. Wenn er den 15-stündigen Langstreckenflug hinter sich gebracht hätte, wäre er nicht mehr ein anonymer Student unter vielen, sondern ein möglicher Nachfolger des aktuellen Vorsitzenden der So-Group.

Erschöpft vom langen Flug stieg er aus dem Taxi, das ihn direkt vom Flughafen aus zum So-Group-Herzzentrum inmitten von Seoul brachte. Jihun zögerte, die Klinik zu betreten, und ließ seinen Blick über das imposante, mehrstöckige Gebäude und die gläserne Fassade wandern, in der sich die Abendsonne spiegelte. Das schwarzgoldene Emblem der So-Group, neben dem Schriftzug Herzzentrum, löste bei ihm augenblicklich ein Unwohlsein aus. Für seine Studienkollegen in den Staaten war er einer von ihnen. Jemand, der sich auf dem besten Weg befand, seinen langgehegten Traum wahr werden zu lassen. In seiner Heimat hingegen, sah man in ihm den jüngsten, erfolgversprechenden Erben des Vorsitzenden Kim Gunwu, der die So-Group vor mehr als vierzig Jahren gegründet hatte.
Zögerlich betrat Jihun die Eingangshalle durch eine der Drehtüren, im Glas warf er einen schnellen Blick auf sein Spiegelbild. In der Eile hatte er versäumt, nach seiner Ankunft die verwaschene Jeans und das zerknitterte Sweatshirt gegen ein Hemd und eine Stoffhose auszutauschen. Er fuhr sich durch seinen dichten Haarschopf, der dringend einen Haarschnitt benötigte. Einige schwarze Haarsträhnen fielen ihm erneut bis über die dunkelbraunen Augen.
Die Drehtür stoppte geräuschlos. Das Innere des Gebäudes erinnerte eher an ein Hotel als an ein Krankenhaus. Von den hohen Decken hingen spiralförmige Leuchten herab, die den Eingangsbereich zwar in einem warmen Tageslicht erscheinen ließen, jedoch für seinen Geschmack zu luxuriös wirkten.
Die beiden silbern glänzenden Rolltreppen beförderten die Patienten und deren Angehörige bequem zu der zentralen Schwesternstation in der ersten Etage. Die Klinik war Jihun vertraut. Vor 15 Jahren war er täglich nach der Schule hierher gekommen, um seiner schwerkranken Mutter Gesellschaft zu leisten. Nachdem die Ärzte sie trotz bestmöglicher medizinischer Versorgung nicht zu retten vermochten, hatte sich sein Leben komplett geändert. Er wuchs ohne Eltern in der Villa des Großvaters auf, nachdem sein Vater, der unbeliebte Schwiegersohn, in der Position des Direktors in die amerikanische Filiale abgeschoben worden war. Sein Großvater erzog seinen Enkel liebevoll, doch auf Jihun lastete der Druck, den Erwartungen als möglicher Nachfolger gerecht zu werden. Hinzu kam die offene Rivalität zwischen Jihun und seinem ein Jahr älteren Cousin Jungkook, der alles dafür tat, sich die alleinige Gunst des Großvaters zu sichern. Jihun hatte schon damals keinerlei Ambitionen gehegt, die ihm zugedachte Position zu übernehmen. Dennoch blieb er in den Augen des Großvaters immer der Muster Enkel, was gutes Benehmen und hervorragende Schulnoten mit einschlossen. Jungkook hingegen war das krasse Gegenteil von Jihun. Es verging kaum eine Woche ohne Probleme, in der meist die schwachen Leistungen des älteren Enkels für Gesprächsstoff sorgten. Noch schlimmer wurde es zwischen den beiden Enkeln, als sie gemeinsam eine angesehene Privatschule und das dazugehörige Internat besuchten. Dort verbrachten sie, außer in den Ferien, die meiste Zeit bis zum Abschluss der Oberschule.
Auf Drängen seines Großvaters hatte Jihun anschließend an der Nationaluniversität von Seoul Betriebswirtschaft als Hauptfach belegt. Erst nach seinem Abschluss hatte der alte Herr der Bitte des Enkels nachgegeben, in den Staaten Fotografie studieren zu dürfen.
Jihun schob die unliebsamen Erinnerungen an seine Kindheit und Jugendzeit beiseite und nahm die Rolltreppe, die ihn in die erste Etage brachte. Dort angekommen, zögerte er. Rechts vor ihm befand sich die Anmeldung, an der sich Angehörige nach ihren erkrankten Verwandten erkundigten, ausstehende Rechnungen bezahlten oder Aufnahmepapiere ausfüllten. Momentan hielt sich dort jedoch niemand auf. Er gab sich einen Ruck und ging an den Ruhebänken und den geschlossenen Türen der Krankenzimmer vorüber. Am Ende des Ganges befand sich der Fahrstuhl, mit dem er zu den VIP Zimmern gelangte. Die Stille auf der Station lastete auf Jihun. Nur eine Person hielt sich auf dem Flur auf. Während er auf den Fahrstuhl zuhielt, musterte er die junge Frau, die mit angezogenen Knien und geneigtem Kopf auf einer Bank kauerte. Aus ihren bebenden schmalen Schultern schloss er, dass sie lautlos weinte. Ihr Anblick erinnerte ihn an sein jüngeres Ich. Unwillkürlich verlangsamte er seine Schritte. Er blieb zögerlich vor ihr stehen und entnahm aus der Innentasche seines Rucksacks eine ungeöffnete Packung Taschentücher.
»Hier bitte!«, sagte er leise.
Erschrocken schaute sein Gegenüber zu ihm auf und wischte sich mit einem ihrer Jackenärmel hastig die Tränen fort. Benommen starrte sie auf die Packung in seiner Hand. Jihun ließ seinen Blick über seidig schwarze schulterlange Haare gleiten, die ihr blasses Gesicht umrahmten. Ihre großen nussbraunen Augen waren mit Tränen gefüllt und glänzten im Licht der Neonlampen.
Sie ist sicher nicht älter als zwanzig.
Wortlos entnahm die junge Frau ein Papiertaschentuch und trocknete damit ihr Gesicht. Jihun wusste genau, was in ihr vorging. – Er wusste, wie es sich anfühlte, wenn man sich um jemanden sorgte, der einem am Herzen lag. Deshalb ließ er sie allein. Während er darauf wartete, dass sich die Aufzugtür öffnete, wandte er sich nach der jungen Frau um, die mit geröteten Wangen geräuschvoll ins Taschentuch schnäuzte.
Sie sieht wirklich niedlich aus. Ob ihr Lächeln wohl ebenso anziehend ist? Mensch, was denke ich da gerade? Ich bin hier, um meinen Großvater zu besuchen …
Jihun betrat den Fahrstuhl, der ihn ohne Zwischenstopp in das siebte Stockwerk beförderte, und wappnete sich für den Krankenbesuch bei seinem Großvater. Diese Etage war nicht mit den öffentlich zugänglichen Stockwerken zu vergleichen, die in den Farben Grün und Weiß gehalten waren. Hier bedeckten schwere, champagnerfarbene Tapeten die Wände. Der dunkelblaue Teppich dämpfte seine Schritte. Kleine Leuchten entlang des Flures erweckten ebenfalls den Eindruck, als befände man sich in einem Hotel. Nur wenige Schritte vom Fahrstuhl entfernt, lagen die privaten Krankenzimmer der Familie Kim. Die Anwesenheit der beiden Bodyguards, vor einer der Türen verriet, in welchem Zimmer sich sein Großvater aufhielt. Die Sicherheitsleute verbeugten sich respektvoll, bevor einer der Männer Jihun zuvorkam und das Anklopfen übernahm.
»Herein!«, erklang Kang Hajuns tiefe Stimme durch die geschlossene Tür. Jihun trat ein und nickte dem älteren Mann zu, der ihm daraufhin ein erleichtertes Lächeln schenkte. Der Sekretär des Vorsitzenden trat beiseite und gab den Blick auf das Krankenbett frei. Jihuns Großvater wirkte blass und schien tief und fest zu schlafen.
»Wie geht es ihm?«, fragte Jihun im Flüsterton.
»Im Moment ist er stabil«, antwortete Kang Hajun ebenso leise. Vor dem Panoramafenster auf der gegenüberliegenden Seite entdeckte Jihun seinen Cousin, der mit übereinandergeschlagenen Beinen in einem Sessel saß. Jungkook warf ihm zur Begrüßung nur einen unfreundlichen Blick zu. Jihun ging auf ihn zu und reichte ihm dennoch die Hand, doch Jungkook war offensichtlich nicht nach Nettigkeiten. Wie erwartet ignorierte sein Cousin die freundliche Geste. Mit einem Anflug von Belustigung zog Jihun seine Hand zurück. Der Alkoholgeruch, der von Jungkook ausging, und der zerknitterte Maßanzug, den dieser trug, verrieten, wo sich sein Cousin am helllichten Tag herumgetrieben hatte.
Na, das wird interessant. Wenn seine Stimmung so bleibt, wird es für uns beide alles andere als ein besinnliches gemeinsames Weihnachtsfest.
»Wie schlecht steht es um seine Gesundheit?«, fragte Jihun an den Sekretär gewandt. Der winkte ab und forderte die beiden Enkel des Vorsitzenden mit einer Handbewegung auf, ihm vor die Tür zu folgen. Jungkook erhob sich mit mürrischem Gesicht aus dem Sessel und verließ den Raum. Bevor Jihun ihm vor die Tür folgte, blickte er kurz zu seinem Großvater hinüber.
Er hat abgenommen, sein Gesicht wirkt schmaler als in meiner Erinnerung.
»Es ist gut, euch beide zu sehen«, sagte der Sekretär, nachdem er die Zimmertür hinter ihnen geschlossen hatte.
»Wie schlimm ist es?«, fragte Jihun, der seinem genervt dreinblickenden Cousin einen warnenden Blick zuwarf.
»Vor ein paar Tagen wurde euer Großvater ohnmächtig und wurde hier eingewiesen«, sagte Kang Hajun. »Die Ärzte stellten fest, dass er unter einer gefährlichen Herzschwäche leidet, die sich aufgrund seines Alters verstärkt hat. Wenn nichts unternommen wird, bleiben ihm noch knapp drei Monate. Er benötigt dringend ein Spenderherz, ob rechtzeitig eines zur Verfügung steht, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Der Vorsitzende möchte für alle Fälle vorbereitet sein. Ihr beide könnt euch sicher denken, um was es geht.«
In Jihuns Ohren setzte ein Brausen ein, sein Herzschlag beschleunigte sich. Die Erinnerung an seine Mutter, die an einer unerkannten Herzinsuffizienz gelitten hatte und zu spät behandelt worden war, rollte wie ein Tsunami über ihn hinweg. »Steht es wirklich so schlecht um den alten Herrn?«, fragte Jungkook auf seine gewohnt unverhohlene Art. Jihun zwang sich, tief ein- und auszuatmen. Das Tosen in seinen Ohren ebbte ab.
»Das lässt sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen. Aber euer Großvater ist zutiefst besorgt. Die Nachfolge der So-Group muss geklärt werden, doch keiner von euch hat sich bisher ernsthaft für die Firma interessiert und aktiv eingebracht. Zumindest einer von euch sollte seinen guten Willen zeigen und in naher Zukunft eine Familie gründen. Das ist eine der Voraussetzungen, nicht nur, um die Position des Vorsitzenden zu besetzen, sondern auch, um sie zum gegebenen Zeitpunkt zu festigen. Hier, bitte. In diesen Dokumenten stehen 3 Kandidatinnen zur engeren Auswahl. Diese Damen stammen alle aus einflussreichen Familien«, fügte Kang Hajun unnötigerweise hinzu. Er überreichte jedem eine schwarze Akte, die Jihun nur zögerlich entgegennahm.
»Momentan wird die So-Group durch eine Stiftung betreut, die euer Großvater vorausschauend zu diesem Zweck gegründet hat. Der Aufsichtsrat berät gerade darüber, einen professionellen CEO einzusetzen, der die Firma auf Zeit verwaltet. Es ist der Wille eures Großvaters, dass einer seiner Enkel diesen Posten besetzt. Sollte niemand von euch beiden seinem Wunsch Folge leisten oder die Nachfolge ablehnen, ist auch das bereits geregelt. Derjenige erhält bis an sein Lebensende ein großzügiges Taschengeld, allerdings keine weiteren Aktienanteile oder andere Vermögenswerte.«
Kang Hajun hielt inne und ließ ihnen Zeit, das Gehörte zu verdauen. Jihun bemerkte Jungkooks wütenden Blick. In der Vergangenheit waren sie sich bestmöglich aus dem Weg gegangen. Das schien nun kaum mehr möglich zu sein.
»Euer Großvater erwartet, dass zumindest derjenige, der die Position des zukünftigen Vorsitzenden in Betracht zieht, seinem letzten Wunsch nachkommt«, sagte der Sekretär in die Stille hinein. »Präsentiert ihm eine Verlobte und erklärt euch bereit, in naher Zukunft eine Familie zu gründen. Ich rate zur Eile. Niemand weiß, wie lange er noch in der Lage ist, das Testament entsprechend anzupassen«, fügte Kang Hajun mit Nachdruck hinzu.
»Eine von den Dreien hier heiraten?«, kam kurz und knapp von Jungkook, der einen Blick in die Akte warf.
»Nur noch drei Monate?«, fragte Jihun, besorgt über die unerwartete Entwicklung.
»Wenn das alles war, verschwinde ich«, sagte Jungkook. Er klemmte sich seine Mappe unter den Arm und wandte sich dem Fahrstuhl zu. Der Sekretär schüttelte den Kopf und trat einen Schritt auf Jihun zu.
»Aufgrund seiner Medikamente wird dein Großvater sicher noch einige Stunden schlafen. Du solltest dich nach dem langen Flug erst etwas ausruhen.«
»Ich bin tatsächlich ziemlich erledigt, aber das liegt am Jetlag. Sag Großvater bitte, dass ich zurück bin. Ich besuche ihn morgen. Anschließend unterhalte ich mich mit seinem zuständigen Arzt«, verabschiedete sich Jihun, von der rechten Hand seines Großvaters.
Die Aufzugtür glitt bereits zu, Sekunden bevor sie sich endgültig schloss, hielt Jihun seine Hand in die Lichtschranke. Die Tür hielt und öffnete sich erneut. Jungkook wirkte wenig erfreut über die ungewollte Gesellschaft auf engstem Raum.
»Warum bist du hier? Ich dachte, du hättest kein Interesse an der So-Group!«
»Was geht’s dich an? Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten«, konterte Jihun, genervt über das spätpubertäre Gebaren.
»Immer noch derselbe aufgeblasene Wicht wie früher«, bemerkte Jungkook abwertend.
»Seltsam, das aus deinem Mund zu hören. Dass du nüchtern genug warst, den Weg hierher zu finden, grenzt an ein Wunder. Warum Großvater dir überhaupt die Möglichkeit gibt, in die Firma einzutreten, ist mir ein Rätsel«, setzte Jihun nach.
»Was willst du damit sagen? Glaub ja nicht, dass du besser bist als ich!«
»Das denke ich nicht nur, das weiß ich sogar. Ich treibe mich nicht am helllichten Tag in dubiosen Bars und in wechselnder weiblicher Begleitung herum. Ach? Dachtest du, das wüsste ich nicht?«, fragte Jihun, der auf gut Glück geraten hatte.
Jungkooks überraschter Gesichtsausdruck entschädigte ihn für dessen unmögliches Verhalten.
»Spionierst du mir nach?«, zischte Jungkook erbost.
»Bilde dir bloß nichts ein. Um zu erfahren, was du auf der anderen Seite der Welt so treibst, reicht ein kurzer Blick in die einschlägigen Klatschspalten der Online Presse«, antwortete Jihun.
»Machst du dich etwa gerade über mich lustig?«
»Glaub mir, es gibt Wichtigeres, als mich mit dir zu befassen. Großvater gibt jedem von uns die Chance, seinen Platz als Vorsitzenden zu besetzen. Du bist zwar der Ältere von uns beiden, aber man muss schon blind sein, um nicht zu sehen, was für eine versnobte Person du bist«, sagte Jihun.
»Macht es wenigstens Spaß, das Geld deiner Familie mit vollen Händen zum Fenster hinauszuwerfen?«, fügte er fragend hinzu.
Jungkook trat dicht an Jihun heran und packte ihn am Ausschnitt seines Sweatshirts. Jihun hob reflexartig den Arm und ballte seine Hand zur Faust. Er ließ sie wieder sinken, da der Fahrstuhl hielt und die Tür aufglitt. Vor dem Aufzug standen zwei erschrocken dreinblickende Patienten in der üblichen grünweiß gestreiften Krankenhauskleidung. Jihun zwang sich zu einem freundlichen Lächeln, bevor er Jungkook entschieden von sich schob und den Fahrstuhl verließ.
»Man sieht sich!«, rief er ihm über seine Schulter hinweg zu.
Jungkook ist immer noch der gleiche Idiot wie damals.
Auf dem Weg zur Rolltreppe fiel Jihun das weinende Mädchen ein. Automatisch blickte er sich suchend nach ihr um. Während der Stippvisite bei seinem Großvater hatte er nicht mehr an sie gedacht. Nun allerdings überkam ihn das unerklärliche Gefühl, ihr früher bereits einmal begegnet zu sein. Aus Neugier blickte er durch die Sichtfenster der geschlossenen Türen der Patientenzimmer, an denen er vorüberkam. Gerade als er aufgeben wollte, entdeckte er die junge Frau. Sie eilte auf ein Krankenzimmer zu, das dem Waschraum gegenüber lag. Jihun beobachtete, wie sie einen Moment vor der Tür innehielt. Überrascht sah er, wie sie zweimal fest mit dem Fuß auftrat und ihre Schultern anhob, bevor sie das Zimmer betrat.
Unwillkürlich hielt er den Atem an.
Hat sie gerade zweimal mit dem Fuß aufgestampft? Wo habe ich das schon einmal gesehen?
Ihre ungewöhnliche Reaktion erinnerte ihn vage an eine Begebenheit aus seiner Jugendzeit. Jihun setzte sich in Bewegung und blieb unschlüssig vor der geschlossenen Zimmertür stehen.
Ein Blick durchs Sichtfenster fällt bestimmt nicht unter die Rubrik Stalking. Nur ganz kurz …


Er vergewisserte sich, dass sich niemand im Gang aufhielt und schaute durch das Sichtfenster.
Sie ist wirklich hübsch. Diese großen Augen und die Stupsnase … Sie kommt mir bekannt vor. Wer ist sie?!
Er verfolgte, wie sie lächelnd an das Krankenbett einer älteren Frau herantrat, und einen Thermobehälter öffnete. Vorsichtig goss sie etwas, das wie Samgyetang aussah, in eine Schale und setzte sich zur Patientin auf die Bettkante. Diese stärkende Hühnersuppe mit Ginseng hatte die damalige Köchin der Familie Kim, auf seine Bitte hin, ebenfalls für Jihuns Mutter zubereitet. Gebannt beobachtete er die junge Frau. Die Ruhe, die sie ausstrahlte, während sie den halbvollen Löffel wiederholt an die Lippen der älteren Frau führte, war bewundernswert.
»Armes Mädchen!«
Ertappt fuhr Jihun zu einer Krankenschwester herum, die plötzlich neben ihm stand.
»Oh, entschuldigen Sie bitte. Ich habe Sie nicht sofort erkannt, Direktor Kim«, überschlug sich die ältere Frau, einen Atemzug später.
Dass sich die Schwester vor ihm verbeugte, war ihm weit unangenehmer, als ertappt worden zu sein.
»Das macht doch nichts. Bitte lassen Sie die Höflichkeiten, Schwester. Was meinen Sie mit armes Mädchen?«, hakte Jihun, verwundert nach.
»Nun, wo fange ich am Besten an. Die Kleine ist der Vormund dieser Patientin. Gemeinsam betreiben Tante und Nichte ein Café, das offenbar nicht viel abwirft.
Zumindest scheint es so, da die junge Frau die anfallenden Kranken- hauskosten in Raten abzahlt …«, fügte die Schwester leise hinzu.
Normalerweise mochte Jihun kein Geschwätz, in diesem Fall war er jedoch froh, dass er interne Informationen über die junge Frau erhielt.
»Ihre Tante hat ein Herzleiden, mit geringer Aussicht auf Heilung, da sie sich offenbar keine der teuren Medikamente leisten kann. Nach Feierabend schaut das Mädchen immer nach ihrer Tante«, plapperte die redselige Krankenschwester Informationen aus, die faktisch der Schweigepflicht unterlagen. Jihun nickte ein ums andere Mal und blickte erneut durch die Glasscheibe ins Zimmer. Die Person, über die er gerade Dinge erfuhr, die ihn eigentlich nichts angingen, zog gerade ein Feuchttuch aus einer Box, die auf dem Beistelltisch stand, und tupfte über die Mundwinkel der älteren Frau.
»Würden Sie mir den Namen der jungen Frau verraten?«, fragte Jihun hoffnungsvoll, bevor der Redefluss der älteren Frau versiegte.
»Ihr Name ist Won Saejin, Direktor Kim.«
»Won Saejin? Won Saejin … Danke Schwester. Wenn ich Ihnen allerdings für die Zukunft einen gutgemeinten Rat geben darf … ein Verstoß gegenüber den allgemeingültigen Krankenhaus Vorschriften, darunter fällt insbesondere die Schweigepflicht, kann im schlimmsten Fall eine fristlose Kündigung nach sich ziehen. Sie scheinen eine engagierte Mitarbeiterin zu sein …«
Der erschrockene Gesichtsausdruck der Kranken- schwester verdeutlichte, dass die Frau verstanden hatte, worauf er anspielte. Jihun schenkte ihr ein beruhigendes Lächeln, bevor er sich von der Tür und der Krankenschwester entfernte.
»Warum fragen Sie überhaupt, wenn Sie es nicht hören wollen?«, hörte er die Krankenschwester leise schimpfen.
Weil ich so mühelos einiges über die Nichte erfahren konnte. Woher kenne ich nur ihren Namen? Ich bin mir sicher, ich kenne sie irgendwoher.
Vor dem Gebäude stieg er in ein wartendes Taxi, das ihn auf direktem Weg zum Hotel brachte. Während der Fahrt ging Jihun der Name der jungen Frau nicht mehr aus dem Kopf. Er lehnte sich gegen das Rückenpolster seines Sitzes und schloss die Augen. Obwohl er erschöpft war, oder womöglich gerade deshalb, drängten sich ihm längst vergessen geglaubte Erinnerungen aus seiner Jugend auf.