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Wolf of the Light

Geschrieben von Nellie Amber

von Nellie Amber
Published
November 8, 2022

Als Ebook erhältlich

2,99 €

Der Ruf des Mondes - Band 1

Die junge Werwölfin Sara befindet sich auf der Flucht vor ihrem Exfreund Simon. In Roseend findet sie Unterschlupf und hilfsbereite Menschen, die sie mit offenen Armen empfangen. Ihre Vergangenheit scheint weit entfernt. Bei Vollmond aber offenbart sich, dass die Bewohner von Roseend ein Geheimnis umgibt, in dem Saras Nachbar Jack eine zentrale Rolle spielt. Sara verschweigt ihr Geheimnis, doch ein unerwarteter Zwischenfall zwingt sie, ihre Gabe zu enthüllen. Damit setzt sie nicht nur ihr neues Zuhause aufs Spiel, sondern auch die gemeinsame Zukunft mit Jack.

Leseprobe

Kapitel Eins
* * * * * 

Sara fühlte ihren Lippenstift zwischen den Fingern und schob ihn zur Seite. Endlich spürte sie den kalten Gegenstand, hörte mit ihren überaus guten Ohren das Klimpern des Schlüsselbundes und beförderte ihn zutage. Sie schlüpfte durch die Tür und ließ sie hinter sich ins Schloss fallen. Aufatmend lehnte sie sich gegen die Eichentür ihres neuen Zuhauses, das sie erst vor wenigen Wochen bezogen hatte.

In diesem winzigen Dorf, das, wenn man es genau nahm, nur aus einer Ansammlung windschiefer Cottages bestand, fühlte sie sich sicher und geborgen.

Sie stieß sich von der Tür ab und folgte dem silbernen Lichtstrahl, der durch das Oberfenster der Eingangstür fiel, bis in ihr kleines Badezimmer. Unterwegs entledigte sie sich ihrer Pumps und des dunkelblauen Blazers ihres Kostüms. Den Nachmittag über war sie fahrig gewesen und erleichtert, als sie endlich Feierabend machen konnte. Ihr Chef hatte sie verständnisvoll angesehen, als ob er wüsste, wie sie sich an solchen Tagen und vor allem Nächten fühlte, in denen sie den überwältigenden Wunsch nach Freiheit verspürte.

Doch zuvor würde sie ein entspannendes Bad genießen und den Mief der Stadt so gut es ging aus ihren Haaren entfernen. Sie drehte den Wasserhahn auf heiß und beobachtete, wie das Wasser in die Badewanne strömte. Das Licht des langsam aufgehenden Mondes hatte freien Zugang durch das Fenster und tauchte den kleinen Raum in einen weichen Schimmer. Sara streifte ihre restliche Kleidung ab und stieg über den Wannenrand hinweg in das dampfende Wasser. Wie immer verzichtete sie auf einen Badezusatz, sie mochte den oftmals unterschwelligen, beißenden Geruch nicht, der ihr das unangenehme Gefühl gab, ihre Nase wäre verstopft. Kurz tauchte sie unter, lehnte sich mit dem Kopf gegen den Rand und schloss die Augen.

Plötzlich stellten sich ihr die feinen Härchen an den Armen auf. Der Zeitpunkt, den sie schon den ganzen Tag herbeisehnte, kam schneller als erwartet. Sara stieg aus der Wanne und konzentrierte sich auf ihr Vorhaben. Ein Sprühregen an Wassertropfen fiel auf die hellen Fliesen und spritzte gegen die gekachelten Wände. Das stetige Tropfen des Wasserhahns nahm an Lautstärke zu und hallte in dem kleinen Raum wider, als würde sie sich nicht in einem Badezimmer, sondern in einer riesigen Tropfsteinhöhle befinden. Für einen Augenblick spürte sie anstelle von Hitze einen kühlen Luftzug. Sie war bereit für einen ihrer geliebten, nächtlichen Ausflüge. In ihrer Wolfsgestalt huschte Sara durch die angelehnte Hintertür hinaus in den verwilderten Garten. Tief sog sie die frische Nachtluft ein, jauchzte leise auf und sprang wie ein übermütiger Welpe durch das hohe Gras. Sie besann sich und sah sich argwöhnisch in alle Richtungen um. Nichts deutete auf ungewöhnliche Vorkommnisse hin und doch verspürte sie für einen Moment drohende Gefahr. Nun etwas vorsichtiger schlüpfte sie unter der niedrigen Hecke hindurch, lief seitlich den Hang hinab und verschwand im dichten Unterholz. Mit gespitzten Ohren lauschte sie den Geräuschen der Umgebung. Tief in sich spürte sie die ihr vertraute Wildheit, die sie nur allzu oft unterdrücken musste, in dieser Nacht jedoch genoss sie ihre Freiheit in vollen Zügen. Die fließende Bewegung ihrer Muskeln, die sich in ihrer Spannkraft durch ihren Körper fortsetzte, trieb sie immer weiter voran.

Der Wald verbarg sie vor der restlichen Welt und vermittelte ihr ein tiefes Gefühl der Geborgenheit. Die Vielfalt der Gerüche, die ihr in die Nase stachen, ließen sie mehrmals aufgeregt winseln. Neben dem Findling zu ihrer Rechten roch sie das süße Aroma des Todes, das einigen Grasbüscheln anhaftete und deutlich machte, dass hier vor Kurzem ein Fuchs mit seiner Beute vorbeigeschlichen war. Modrige Fäulnis stieg vom weichen Waldboden auf, und die Luft trug die Ausdünstungen unzähliger Wildtiere mit sich. Dennoch trottete sie gemächlich den ausgetretenen Pfad entlang, der sie zu einer kleinen Lichtung führte.

Bei ihrem letzten Ausflug hatte sie diesen verborgenen Ort entdeckt, und er eignete sich hervorragend für das, was sie vorhatte.

Nicht mehr ausschließlich auf die Geräusche ihrer Umgebung konzentriert, ließ sie sich auf dem offenen Platz nieder und reckte ihre Schnauze dem sternenklaren Himmel entgegen. Tief atmete sie die aromatische Luft ein und spürte ein drängendes Grollen, das sich unaufhaltsam seinen Weg durch ihre Kehle bahnte. Sie verharrte mit geschlossenen Augen. Erst, als eine kraftvolle, tiefe Stimme in ihren Gesang einfiel, bemerkte Sara erschrocken, dass sie keineswegs allein war. Mit bernsteinfarbenen Augen, in denen sich das helle Mondlicht spiegelte, fixierte sie den imposanten Wolf in ihrer Nähe, der aus dem Halbdunkel der Bäume hervortrat. Erstaunt, ihn nicht eher entdeckt zu haben, fiel ihr auf, dass sich der kühle Nachtwind gedreht hatte und in ihre Richtung wehte. Der schwere Geruch von feuchter Erde, vermischt mit einem starken, maskulinen Duft, drang ihr in die Nase und verwirrte sie für einen Moment. Mit gehetztem Blick auf den Wolf – sein silbernes Fell mit dem markanten schwarzen Streifen, der sich über seinen kraftvollen Rücken zog, hatte sich ihr eingeprägt – drehte sie sich um und schoss, einen weiten Umweg nehmend, zurück in ihren Garten.

Kaum dass sich Sara zurückverwandelt hatte, schob sie den Riegel der Hintertür vor, setzte sich schwer atmend an den Küchentisch und ermahnte sich, in Zukunft vorsichtiger zu sein. Wozu besaß sie eine empfindliche Nase, wenn sie diese nicht zu ihrem Vorteil und Schutz einsetzte? Ihre Nerven blieben weiterhin angespannt. Geistesabwesend griff sie in den Wäschekorb, der sich neben ihrem Stuhl befand, zog ein T-Shirt und kurze Shorts aus dem Stapel und schlüpfte hinein. Anschließend wischte sie den Fußboden, auf dem sich eine feuchte Spur von Pfotenabdrücken vom Bad ausgehend durch den schmalen Flur bis zur Hintertür zog. Und da sie schon einmal dabei war, betrat sie das Badezimmer und ließ das mittlerweile kalte Wasser gurgelnd durch den Abfluss verschwinden. Als Nächstes kehrte sie in die Küche zurück und schob einige bunt lackierte Tontöpfe, in denen sie verschiedene Gewürze zog, zur Seite. Erneut sah sie wachsam aus dem Fenster und schalt sich insgeheim eine Närrin. Außerhalb der Mauern war alles ruhig und unauffällig. Der Rasen lag ebenso wie die dichten Hecken, die sich seitlich um ihr Häuschen zogen, im Dunkeln. Die lang gezogenen Schatten der Streben des maroden Holzzaunes, der ihr kleines Grundstück zur Vorderseite hin einfasste, wirkten im Mondlicht wie die Gitterstäbe einer überdimensionalen Gefängniszelle.

Ihr Blick blieb an einem aufflackernden Lichtschein hinter den zusammengezogenen Vorhängen des gegenüberliegenden Cottages hängen. Neugierig beobachtete sie die männliche Silhouette, die in ihr Blickfeld trat. Saras Herz begann zu rasen, und dies nicht nur als Folge ihres vor Kurzem erlebten Abenteuers. Die Konturen der muskelbepackten Oberarme und des breiten Brustkorbs, der in schmale Hüften überging, wiesen auf einen überaus athletischen Mann hin, den sie gern deutlicher in Augenschein genommen hätte. So plötzlich, wie der Gedanke aufgetaucht war, schob sie ihn beiseite. Sie strich ihr zerzaustes Haar aus der Stirn, wandte sich nach kurzem Zögern ab und ließ sich auf den nächstbesten Stuhl sinken. Gedankenverloren kaute sie an ihrer Unterlippe. Ein attraktiver Mann in ihrer Nähe hatte ihr, wo sie doch glaubte, endgültig mit dem männlichen Geschlecht abgeschlossen zu haben, gerade noch gefehlt.

Plötzlich ärgerte sie sich über ihr exzentrisches Verhalten. Niemand wusste, dass sie sich in diesem Teil Englands aufhielt. Bisher hatte sie es immer erfolgreich vermieden, mit ihren jeweiligen Nachbarn in allzu engen Kontakt zu treten, und dieses Mal würde es ebenso sein. Anstatt sich weiterhin mit den ungewöhnlichen Zwischenfällen in dieser Nacht zu beschäftigen, suchte sie sich eine befriedigendere Aufgabe und bereitete sich einen Tee. Seit jeher hatte dieser gewohnte Handlungsablauf ihr Gemüt beruhigt, sodass sie auch diesmal auf die entsprechende Wirkung vertraute. Nachdenklich blickte Sara in die flackernde Flamme des Gasherdes, bis der Teekessel ein lautes Pfeifen von sich gab. Sie nahm einen Becher vom Wandboard und goss sich den duftenden Tee ein.

Sara erinnerte sich an das einige Tage zurückliegende Gespräch mit ihren neuen Nachbarn. Rechts von ihr, ein Stück den Hang hinauf, wohnten Michael und Sophie. Die beiden waren in etwa so alt wie sie, standen schon am zweiten Tag nach ihrem Einzug an ihrer Gartenpforte, die windschief in den Angeln hing, und begrüßten sie mit einem duftenden Apfelstrudel, den sie gemeinsam auf klapprigen Stühlen inmitten des hohen und von Unkraut überwucherten Rasens verspeisten.

Da sie von Natur aus neugierig war, hatte sie die Gelegenheit genutzt, um etwas über die Bewohner von Roseend zu erfahren. Natürlich hätte sie ihren neuen Chef fragen können. Immerhin hatte ihr dieser Roseend wärmstens empfohlen, doch sie wusste ihn noch nicht einzuschätzen und wollte nicht den Eindruck erwecken, eine allzu neugierige Person zu sein. Dieses zwanglose Treffen mit ihren Nachbarn hatte ihr die Möglichkeit gegeben, einige Fragen zu stellen. Während sich Sara auf ihrem Stuhl zurückgelehnt hatte, wandte sie sich an Michael, der ihr merkwürdigerweise offener vorkam als Sophie. »Wie lange wohnt ihr zwei bereits in Roseend?« »Es müssten jetzt zehn Jahre sein. Wir stammen aus einer Stadt nördlich von hier und kennen uns schon seit unserer Kindheit.«

Gespannt hatte sie seinen Worten gelauscht.

»Damals lernten wir auch Jack kennen, na ja, eigentlich kannte Sophie ihn vor mir. Aber das ist lange her, jedenfalls beschlossen wir, nach Roseend zu ziehen und heirateten kurz darauf.« Michael warf seiner Frau einen liebevollen Blick zu. Für einen Moment meinte sie, einen resignierten Zug in Sophies Gesicht zu erkennen. Als diese jedoch zurücklächelte, glaubte Sara, sich getäuscht zu haben. »Ich kann verstehen, dass ihr euch hier wohlfühlt, mir geht es ebenso. Ich wohne zwar erst seit Kurzem in Roseend, doch schon jetzt fühle ich mich wie zu Hause. Es ist alles so ruhig und friedlich. Und obwohl man abgelegen wohnt, erreicht man Bellwick innerhalb von zwanzig Minuten.«

Sophie strich sich ihr kinnlanges Haar zurück, was ihr einen Anflug von Härte verlieh. Sie erwiderte Saras fragenden Blick. »Ich arbeite als Verkäuferin an der Tankstelle, vier Kilometer von hier. Michael ist Schriftsteller und zurzeit dabei, sein Buchprojekt zu beenden.«

»Jetzt ist mir auch klar, warum ich dich so selten zu Gesicht bekomme. Du vergräbst dich vermutlich den ganzen Tag hinter deinen Büchern«, wandte sich Sara mit einem verschmitzten Lächeln erneut an Michael.

Ihr Nachbar grinste sie an und nickte zustimmend, sodass Sara aufatmete. Kaum waren ihr die Worte entschlüpft, wurde ihr bewusst, dass Michael diese auch anders hätte verstehen können. Doch ihr erster Eindruck von ihm bestätigte sich, er war durch und durch eine gutmütige und fröhliche Natur. In seiner Gesellschaft fühlte sie sich wohl, was sie von Sophie leider nicht behaupten konnte. »Oh, ich schreibe nicht nur in einem muffigen Kämmerchen, wie es in vielen Filmen zu sehen ist, sondern wandere oftmals durch die Wiesen und genieße einfach die Natur um mich herum«, sagte Michael mit einem Augenzwinkern.

Sie nickte zustimmend. Auch sie liebte diesen Ort, der eine gewisse Wildheit ausstrahlte. »Sagt mal, gehört das Cottage gegenüber niemandem? Es scheint doch noch gut in Schuss zu sein.«

Michael und Sophie tauschten vielsagende Blicke, die Sara keinesfalls verborgen blieben.

»Also … na ja. Da wohnt Jack.«

»Jack? Und wer ist dieser Jack und was macht er so?«

Statt einer Antwort begann sich Sophie mit einem imaginären Mückenstich auf ihrem Arm zu beschäftigen, Michael ordnete gedankenverloren seine Frisur, mit der gleichen Handbewegung, die sie auch schon bei Sophie beobachtet hatte. Vermutlich eignete man sich in der Ehe unbewusst einige Macken seines Partners an.

»Jack ist halt Jack«, unterbrach Michael schließlich das Schweigen. »Früher oder später wird er dir garantiert über den Weg laufen … Du, könnte ich noch ein Stück Kuchen bekommen? Ich platze zwar gleich, aber der ist so was von lecker!«

Sie beschlich das untrügliche Gefühl, dass ihr irgendetwas verheimlicht werden sollte. Was war mit diesem Jack? Hatten Michael und Sophie Ärger mit ihm? Da sie ihre Nachbarn keinesfalls brüskieren wollte, schnitt sie das Thema nicht mehr an, sondern ein neues Stück Kuchen für Michael ab.

 

Der Gedanke an dieses merkwürdige Gespräch hatte bei Sara einen unangenehmen Nachgeschmack hinterlassen.

Nur kurz gelang es ihr, der Versuchung zu widerstehen, erneut zum gegenüberliegenden Cottage zu blicken, dann starrte sie wieder auf das jetzt dunkle Gebäude. Verärgert über ihre Verunsicherung stellte sie den leeren Becher auf den Tisch und beschloss, frühzeitig schlafen zu gehen. Sie wollte sich nicht länger mit ihrem mysteriösen Nachbarn befassen und Mutmaßungen angesichts seines unerwarteten Auftauchens anstellen. Stattdessen zog sie die flauschige Decke bis zur Brust und kuschelte sich in ihr Kissen. Lange Zeit lag sie mit geöffneten Augen da, beobachtete die Lichtspiele, die das fahle Mondlicht an die Wände warf, und lauschte den Geräuschen, die durch das gekippte Fenster zu ihr drangen. Für einen Moment glaubte sie, in der Ferne mehrstimmiges Wolfsgeheul auszumachen. Doch zu müde, um sich darüber den Kopf zu zerbrechen, schlief sie schließlich ein.

Sara träumte.

Die Konturen der Bäume und Büsche verschwammen, einzig den Wolf, dessen dichtes Fell wie in flüssiges Silber getaucht glänzte, konnte sie weiterhin deutlich erkennen. Dieses Mal sah sie ihm gelassen und ohne Angst entgegen. In seinen glühenden gelben Augen entdeckte sie dasselbe Erstaunen, wie sie es bei seinem Anblick empfunden hatte. Sein intensiver Blick schien bis in ihre Seele vorzudringen. Ihr Herz erzitterte, eine tiefe Sehnsucht durchfuhr ihren Körper und ließ sie im Schlaf leise aufseufzen.